Polizei fahndet mit Hilfe der Technik

Als der Corsa den Ka berührt, ist im Innern des Opel-Kleinwagens allenfalls ein leichtes Knirschen zu hören. Blech trifft auf Blech. Sekunden später sieht der Mitfahrer auf dem Rücksitz, wie der Ford ganz leicht angehoben wird, als der Opel nach dem Rempler zurücksetzt. Der Chauffeur mit der Wollmütze aber tut so, als habe er nichts mitbekommen von dem Crash und zieht von dannen.

„Mach’ das noch mal, aber richtig“, stoppt Polizeikommissär Siegfried Dreibholz den Corsa-Fahrer. Der parkt also wieder ein, stößt mit dem Pkw zurück und rammt erneut den Ka. Der hat danach am linken hinteren Schutzblech eine deutliche Schramme.

Es waren alltägliche Parkplatzrempler, die Polizeibeamte am Mittwoch mit zweischrottreifen Altautos auf einem Platz am Präsidium präsentierten. Solche Bagatellunfälle, bei denen sich der Verursacher vom Tatort entfernt, jagen in der Statistik die Balken nach oben: Rund 16 000 Unfällen (siehe Kasten links) wurden 2012 registriert, davon 3825 mit Flucht. Das sind 50 weniger als im Jahr 2011, doch all diese Zahlen gefallen Polizeioberrat Jürgen Marten, dem Leiter der Direktion Verkehr bei der Bonner Polizei, nicht: „Das heißt, dass sich bei jedem vierten Verkehrsunfall ein Unfallbeteiligter unerlaubt vom Unfallort entfernt hat.“

Fast jeder Zweite aber werde erwischt, betont Polizeipräsidentin Ursula Brohl-Sowa. Das ist auch ein Verdienst der Männer um die Polizeikommissare Siegfried Dreib

holz und Heribert Breuer. Sie leiten die Verkehrsunfallfluchtermittlungsteams, die im April 2012 in den Verkehrskommissariaten Ramersdorf und Meckenheim eingerichtet wurden. Die Sachbearbeiter, drei im Präsidium, zwei in der Meckenheimer Wache, haben sich ihr Wissen durch Fortbildung angeeignet. „Wir sprechen uns jeden Morgen über die Anzeigenlage ab und rücken dann aus“, berichtet Dreibholz, während er den fingierten Unfall auf dem Polizeiparkplatz begutachtet. Sein Kollege Breuer hat aus einem der drei Ermittlungskoffer eine Messlatte geholt, stellt sie an den Ford und misst so die höchste und die tiefste Stelle des Kratzers: „40 bis 62 Zentimeter“, sagt Breuer an. Dreibholz markiert die beiden Punkte mit Pfeilen, dokumentiert sie mit einem Foto, legt dann eine Klebefolie auf die Stelle, an der der Aufprall stattfand und bekommt so einen Spurabdruck. Darauf sind Farbanhaftungen zu erkennen. Dann sammelt der Kommissar Lacksplitter mit einer Pinzette auf und steckt sie in eine Pergamintüte. Zur Sicherheit legt er ein Mikroskop aufs Blech, das ihm mit 35-facher Vergrößerung zeigen kann, welche Farbe der verschwundene Ka hat. Genaueres erfährt der Spezialist auf der Wache, wo er die Folie unter ein Mikroskop mit 300-facher Vergrößerung schieben kann.

Das ist viel Arbeit für die Aufklärung einer Parkplatzrempelei, aber Dreibholz & Co. haben den Ehrgeiz, jede Akte abzuschließen. Sollte der Verursacher einer Kollision leugnen, wird sogar das Landeskriminalamt eingeschaltet, das Lackspuren untersucht. Eine Woche bis zu einem halben Jahr dauert oft die Bearbeitungszeit. Polizeioberrat Marten: „Je schwerer der Schaden, desto umfangreicher wird ausermittelt.“ Gelegentlich machen sich Ermittlungsgruppen an die Arbeit, wie nach einer spektakulären Unfallflucht vor einigen Jahren in Niederbachem, bei der ein junger Mann getötet worden war. Nach zwei Wochen war damals das Täterfahrzeug bekannt.

In solchen Fällen holen die Sachbearbeiter das „große Besteck“ aus dem Koffer, fertigen Gipsabdrucke von Reifenspuren, zupfen Glasreste vom Scheinwerfer vom Asphalt, um anhand der Zulassungsnummer der Lampe aufs Autofabrikat schließen zu können. „Früher gingen die Anfragen ans Kraftfahrtbundesamt über den Postweg, heute habe ich in einer halben Stunde alles auf dem Computer“, freut sich Dreibholz über den Fortschritt der Technik.

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